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Peter Hollo: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil

Wir haben an dieser Stelle schon oft darüber gesprochen, über den berühmten Purpose. Und wie wichtig es ist, dass Unternehmen heutzutage als nützlicher Teil der Gesellschaft gesehen werden. Noch nie zuvor war das Verhalten von Unternehmen, deren Überzeugungen und Einstellungen so transparent wie heute. Noch nie wurden Unternehmen (vielleicht) mehr an Ihrem Purpose gemessen als an ihren Produkten. 

 

Und die großen FMCG-Player machen jetzt ernst! Twitter, Facebook und Co. werden während der nächsten Wochen sehr schmerzhaft zu spüren bekommen, wie es ist wenn die größten Werbekunden plötzlich ihr Engagement einstellen. Unilever, Honda, Nestlé, Starbucks, Coca Cola und knapp 90 weitere Unternehmen haben ihre Werbeausgaben in sozialen Netzwerken für durchschnittlich 30 Tage gestoppt. Auch LEGO ist mit dabei und übt damit Druck auf Facebook aus. Allesamt Unternehmen mit Werbeetats im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Damit verlor die Facebook-Aktie letzten Freitag etwa 8% an Wert, was in etwa 56 Milliarden Doller entspricht. Es wird berichtet Zuckerberg selbst habe dadurch 7 Milliarden Dollar seines Privatvermögens eingebüßt.

 

Meinungsfreiheit ist in demokratischen Gesellschaften ein hohes Gut. Und selbstverständlich darf man es kritisch sehen, dass Unternehmen, die es auch "selbst mal nicht so genau nehmen" solch einen enormen Einfluss auf Meinungsfreiheit und damit verbundene bürgerliche Rechte nehmen. Aber mit der Meinungsfreiheit ist das so eine Sache. Zum einen darf zwar jeder seine Meinung sagen, aber ein Anrecht darauf, dass alle diese Meinung gut finden, hat er oder sie nicht. Und Meinungsfreiheit ist keine Meinungsfreiheit mehr, wenn sie gezielt durch aggressive (Klein-)gruppen dazu genutzt wird die öffentliche Meinung zu beeinflussen, gesellschaftliche Systeme oder ganze Staaten zu destabilisieren. Mit dem Ziel eigene Positionen zu sichern und eigene ideologische Systeme zu installieren. Dann plötzlich ist die Meinungsfreiheit der sprichwörtliche Schafspelz, der den Wolf in Form von Agitation, Hass und Hetze ganz prächtig kleidet.

 

Hass, Agitation, Hetze und Aluhutträger gab es schon zu allen Zeiten. Doch das spielte sich in der Vergangenheit im verrauchten und Bierdunst geschwängerten Hinterzimmer des Roten Ochsen ab. Und was dort polemisiert und krakehlt wurde, das verließ diesen Ort nur selten - mancher hatte es vielleicht auch wieder vergessen, wenn er nüchtern war. Dank der sozialen Netzwerke wird es aber millionenfach verbreitet und bekommt plötzlich eine Öffentlichkeit und eine Relevanz, die für eine tolerante, offene, pluralistische Gesellschaft nicht mehr hinnehmbar ist. Und schon sind wir bei Karl Poppers Paradox der Toleranz, bei dem wir so lange tolerant gegenüber intoleranten Kräften sind, bis diese die Überhand gewinnen und jede Toleranz verschwindet.

 

Viel zu lange haben sich die sozialen Netzwerke bräsig zurückgelehnt und so getan, als ginge sie das nichts an. Wer so lange von offenen Gesellschaften profitiert hat, von stabilen politischen Systemen und funktionierenden Infrastrukturen, der ist bestenfalls ein Schmarotzer, wenn er entweder durch Unterlassung oder durch eigene Agitation jegliche Verantwortung vermissen lässt. Oder im schlimmsten Fall durch Profitstreben solche Tendenzen noch fördert.

 

Und deshalb ist es richtig, wenn Unternehmen nun diesem groben Klotz einen groben Keil entgegen setzen. Denn auch wenn Facebook, Twitter, Google und Co. fast unbegrenzte Macht haben, so sind sie bei weiten nicht unverwundbar. Die Achillesferse dieser Unternehmen ist der eigene Aktienkurs. Und damit sind auch sie nichts mehr als (zwar beeindruckende, erschreckende?) Riesen auf tönernen Füßen. Wenn nun Unternehmen ihre Konsequenzen ziehen, und ganz sicher auch unter öffentlichem Druck und aus Marketingkalkül heraus Stellung beziehen (müssen), dann kann das insgesamt nur nützen. 

 

Die meisten von uns haben dass Privileg, dass sie noch nie etwas verteidigen mussten. Sind doch die meisten von uns zu Zeiten und in Systemen aufgewachsen, die zwar nicht perfekt, aber dennoch lebenswert waren. Das ändert sich gerade. Und wir dürfen das nicht hinnehmen.

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