Rolf Kosakowski: Warum sich Manager schlagen sollten: Ein Plädoyer fürs Boxen

Manchmal werde ich von jüngeren Kollegen gefragt, was ich Führungskräften am Anfang ihrer Karriere empfehlen könnte. Früher war ich mir nie ganz sicher, aber seit einigen Jahren weiß ich es ganz genau: Geht boxen! Je eher, je besser.

 

Ich selbst boxe seit 7 Jahren, und ich bedauere sehr, dass ich nicht schon viel früher damit angefangen habe. Nicht so sehr, weil ich heute ein besserer Sportler wäre. Sondern weil es mich viel früher zu einem entspannteren Unternehmer gemacht hätte. Manche wundern sich, wenn ich davon erzähle, und fragen, warum ausgerechnet der Gründer einer Agentur für Kinder- und Familienmarketing einen Wert darin sieht, auf andere Leute einzuschlagen. Boxtraining für verhaltensauffällige Jugendliche kennt man ja, aber für Manager, Unternehmer, Arbeitgeber?

 

Jeder muss das für sich selbst herausfinden, aber mein kostbarstes CEO-Coaching findet immer montags von 18 bis 20 Uhr beim Manager-Boxen des TSV Eintracht Hittfeld kurz hinter der Hamburger Grenze statt. Dort habe ich gelernt, zu kämpfen. Eigentlich gegen andere, aber vor allem gegen mich und meinen inneren Schweinehund.

 

Ich weiß nicht, wie gut Sie sich mit Boxen auskennen, aber ich will versuchen es zu erklären und duze Sie dabei, denn beim Boxsport konzentriert man sich auf die wirklich wichtigen Regeln. Also: Boxen fordert alles von dir. Deine Kraft, deine Ausdauer, deine Schnelligkeit, deine Disziplin, deinen Mut, dein Vertrauen und deinen Respekt. Last but not least. Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit sind Grundvoraussetzungen für viele Sportarten; man muss es nicht groß erläutern. Wobei im Boxsport noch einmal eine gewaltige Schippe draufgelegt wird. Es gibt kaum einen Muskel, den du am nächsten Morgen nicht spüren wirst. Manche davon kanntest du vorher noch gar nicht.

 

Als Nächstes lernst du Disziplin. Ich meine damit nicht die bürgerliche Selbstkontrolle, die wir alle in Schule, Hochschule und Job gelernt haben. Ich meine damit die Fähigkeit, extreme Bedingungen auszuhalten, ohne die Beherrschung zu verlieren. Du lernst es, weil du sonst deinen Sparringspartner und dich selbst gefährden würdest. Eine Runde dauert endlose 2 oder 3 Minuten. Du musst sie durchstehen, und dafür brauchst du Mut. Du musst dir genauso wie deinem Gegner vertrauen. Du musst dich darauf verlassen, dass er sich jede Sekunde genauso unter Kontrolle hat, wie du dich selbst. Das ist leicht gesagt, aber wenn du wirklich im Ring stehst, hilft dir der Coach immer erst nach dem Schlag. 

 

Und damit komme ich zu der Boxer-Tugend, die ich besonders schätze: Respekt. Du kennst deinen Gegner und du weißt, dass er dasselbe auf sich genommen hat wie du. Dasselbe harte Training, dasselbe sorgfältige Studium der Regeln, denselben Verzicht auf die Komfortzone, denselben Kampf gegen den inneren Schweinehund. Dafür respektierst du ihn noch mehr als den Anblick seiner Fäuste. 

 

Anders als bei einem Mannschaftssport wie Fußball kannst du dich beim Boxen keinen Augenblick lang verstecken. Ich weiß nicht, was Joachim Löw mit „höchster Konzentration“ meint, aber so hoch wie beim Boxen kann sie kaum sein. Und wenn du im Ring verlierst, dann musst du nur in den Spiegel gucken, um den Schuldigen zu finden. Auch das mag ich am Boxen: Es gibt keine Ausreden. Wenn du nicht gewinnst, hast du entweder nicht alles gegeben, oder es gibt einen Besseren als dich. Du lernst dich selbst kennen. Das ist nicht immer angenehmen, aber es hilft dir, deine Grenzen zu akzeptieren und daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

 

Ich habe beim Boxen vieles für den Job gelernt. Zum Beispiel totale Fokussierung, wenn es darauf ankommt. Aber auch, nicht alles selbst machen zu wollen. Ich glaube, ich schätze jetzt besser ein, was ich richtig gut kann und wo mir andere überlegen sind. Ich gehe konstruktiver mit Niederlagen um, damit es beim nächsten Mal besser klappt. Meine Erfahrung ist: Die Demut, die man beim Boxen lernt, macht nicht kleiner, sondern selbstbewusster. Wenn ich ehrlich bin, war mein Selbstvertrauen früher oft eine Attitüde. Jetzt ist daraus ein Gefühl geworden. Und das verdanke ich keinem Coaching-Guru von der Außenalster, sondern unseren Boxtrainern  vom TSV Hittfeld. Danke, Jungs. Rolf Kosakowski

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